Athen als Vorbild
Mit einem Festungstor hatte das Brandenburger Tor nichts zu tun. Es sollte eine Prachtstraße würdig abschließen – als Entree, durch das der König in seine Residenz einzog.
Auftraggeber war Friedrich Wilhelm II., der es von 1788 bis 1791 nach Plänen von Carl Gotthard Langhans errichten ließ – an der Stelle eines einfachen Tores in der damaligen Zollmauer. Vorbild waren die Propyläen, der Eingang zur Athener Akropolis. Zwölf dorische Säulen, jeweils sechs pro Seite, bilden fünf Durchfahrten; die mittlere ist breiter und blieb bis 1918 dem Königshaus und dessen Gästen vorbehalten. An den Seiten stehen zwei kleine Torhäuser, in denen früher Wache und Zoll saßen.
Auf dem Tor thront die 1793 aufgestellte Quadriga von Johann Gottfried Schadow: eine geflügelte Göttin – meist Viktoria genannt – auf einem Wagen mit vier Pferden, aus getriebenem Kupferblech. Ihr Blick geht nach Osten, in die Stadt und über Unter den Linden.
Von Napoleon verschleppt
Gut zehn Jahre später geriet die Quadriga zur Kriegsbeute. Nach dem Sieg über Preußen marschierte Napoleon im Oktober 1806 durch das Tor in Berlin ein und ließ das Gespann abmontieren und nach Paris schaffen. Erst nach seiner Niederlage 1814 kam es zurück; angeblich nannten es Berliner Spötter seither „Retourkutsche“. Die Göttin erhielt zudem ein neues Zepter: Karl Friedrich Schinkel gestaltete einen Eichenkranz mit Eisernem Kreuz und preußischem Adler.
Teilung und Öffnung
Im 20. Jahrhundert diente das Tor als Kulisse – für Aufmärsche, für Zerstörung, für die Teilung der Stadt und am Ende für ihre Vereinigung.
Am 30. Januar 1933 marschierten SA und SS mit Fackeln durch das Tor, um Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zu feiern. Zwölf Jahre danach stand es beschädigt inmitten von Trümmern; von der Quadriga überlebte nur ein Pferdekopf. Das Tor gehörte nun zum sowjetischen Sektor, direkt an der Grenze zum britischen. Ost-Berlin ließ es von 1956 bis 1958 wiederherstellen. Die neue Quadriga wurde nach Gipsformen gegossen, die man 1942 vorsorglich angefertigt hatte, und zwar in einer West-Berliner Gießerei – eine seltene Kooperation über die Sektorengrenze. Eisernes Kreuz und Adler ließ die DDR allerdings vom Zepter weg.
Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 war das Tor nicht mehr zu betreten. Es lag im Grenzgebiet auf Ost-Berliner Seite und wurde fast drei Jahrzehnte lang zum eindrücklichsten Bild der Teilung: ein Tor, das niemand durchschreiten durfte. Westliche Politiker sprachen davor, auf der anderen Seite der Mauer; am berühmtesten wurde dieser Satz:
„Mr. Gorbachev, tear down this wall!“
Die Mauer fiel am 9. November 1989, doch das Tor blieb weitere sechs Wochen zu. Erst am 22. Dezember 1989 wurde hier ein Grenzübergang geöffnet, mit Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow; über 100.000 Menschen feierten. In der Silvesternacht kletterten Feiernde auf das Tor und beschädigten die Quadriga, die danach abgenommen und restauriert wurde. Eisernes Kreuz und Adler gehören seither wieder zu ihr.
Seit 2002 dürfen keine Autos mehr durch das Tor, der Pariser Platz ist autofrei. In einem der Torhäuser befindet sich ein Raum der Stille. Wo sich der Grenzverlauf im Stadtbild noch erkennen lässt, beschreibt unser Beitrag zur Berliner Mauer; vor dem Tor zeigt eine doppelte Pflastersteinreihe, wo sie früher stand.
Zwei Plätze, eine Prachtstraße
Das Tor hat eine Ost- und eine Westseite, und die beiden Plätze davor haben ganz unterschiedliche Geschichten.
Im Osten liegt der Pariser Platz, der an die Einnahme von Paris durch die Verbündeten 1814 erinnert. Nach dem Krieg war er eine Brache im Grenzgebiet; seit den 1990er-Jahren ist er nach strengen Gestaltungsvorgaben neu bebaut. Hier befinden sich unter anderem die Botschaften Frankreichs und der USA, die Akademie der Künste mit ihrer Glasfassade sowie das Haus Liebermann, das nach dem Maler Max Liebermann benannt ist, der an dieser Stelle lebte.
Der Platz im Westen trägt seit 2000 den Namen Platz des 18. März. Er verweist auf zwei Ereignisse: die Barrikadenkämpfe der Märzrevolution am 18. März 1848 und die erste freie Wahl zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990. Von dort führt die Straße des 17. Juni gerade durch den Tiergarten zur Siegessäule; an klaren Abenden reicht der Blick vom Pariser Platz durch die mittlere Durchfahrt bis dorthin.
Ostwärts beginnt Unter den Linden, die einstige Prachtstraße der preußischen Residenz. Zur Museumsinsel sind es etwa anderthalb Kilometer, vorbei an Staatsoper, Humboldt-Universität und Neuer Wache. Am Ziel erwarten Sie die Museumsinsel mit dem Dom und dahinter der Fernsehturm.
Der Reichstag
Einige hundert Meter nördlich des Tores steht ein Haus, in dessen Geschichte sich fast alle Umbrüche des 20. Jahrhunderts spiegeln.
Errichtet wurde es von 1884 bis 1894 nach Plänen von Paul Wallot als Tagungsort des Reichstags im Kaiserreich, im Stil der Neorenaissance und mit einer Stahl-Glas-Kuppel, die seinerzeit als technisch gewagt galt. Die Widmung „Dem deutschen Volke“ über dem Westportal wurde erst 1916 angebracht; ihre Bronzebuchstaben sind aus dem Metall erbeuteter Kanonen aus den Befreiungskriegen gegossen.
In der Nacht zum 28. Februar 1933 brannte der Plenarsaal aus. Die Nationalsozialisten nutzten das Feuer als Vorwand für die Reichstagsbrandverordnung, mit der zentrale Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden. Als Parlament wurde das Haus danach nicht mehr genutzt. In den letzten Kriegstagen 1945 wurde heftig darum gekämpft; Ende April setzten Rotarmisten eine Fahne auf dem Dach, und das berühmte Foto dieser Szene entstand erst einige Tage später als Inszenierung. Inschriften sowjetischer Soldaten an den Wänden sind teilweise bis heute im Inneren zu sehen.
Nach Kriegsende lag die Ruine im britischen Sektor, nur wenige Meter von der späteren Mauer. 1954 sprengte man die Kuppelreste; von 1961 bis 1973 baute Paul Baumgarten das Gebäude in vereinfachter Form wieder auf. Am 4. Oktober 1990, einen Tag nach der Wiedervereinigung, trat hier das erste gesamtdeutsche Parlament zusammen, und im Juni 1991 beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit den Umzug nach Berlin.
Verhüllt, entkernt, neu bekrönt
Bevor die Bauarbeiten richtig losgingen, verwandelten Christo und Jeanne-Claude das Haus im Sommer 1995 in ein Kunstwerk. Vom 24. Juni bis zum 7. Juli war der Reichstag in silbrig glänzenden Stoff gehüllt und mit blauen Seilen verschnürt. In diesen zwei Wochen kamen rund fünf Millionen Besucher.
Anschließend baute das Büro von Norman Foster das Innere bis 1999 komplett um; im April 1999 zog der Deutsche Bundestag ein. Das auffälligste Merkmal ist die gläserne Kuppel über dem Plenarsaal mit knapp 40 Metern Durchmesser und gut 23 Metern Höhe. In ihrer Mitte hängt ein Trichter aus 360 Spiegeln, der Tageslicht in den Saal lenkt. Zwei verschlungene Rampen von jeweils rund 230 Metern Länge führen in Spiralen hinauf zu einer Plattform in etwa 40 Metern Höhe über dem Boden. Durch das Glas im Kuppelfuß schauen Sie in den Plenarsaal hinab – ein Bild, das oft so gedeutet wird, dass das Volk über den Abgeordneten steht.
Reichstagsgebäude auf einen Blick
- Bauzeit
- 1884 bis 1894 nach Plänen von Paul Wallot
- Umbau
- 1995 bis 1999 durch das Büro Norman Foster
- Kuppel
- knapp 40 Meter im Durchmesser, gut 23 Meter hoch
- Aussichtsplattform
- etwa 40 Meter über dem Boden
- Nutzung
- seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages
Regierungsviertel und Park
Um den Reichstag herum ist seit den 1990er-Jahren ein Regierungsviertel gewachsen, und direkt dahinter liegt der größte Park der Innenstadt.
Das „Band des Bundes“
Axel Schultes und Charlotte Frank zogen eine Kette von Regierungsbauten quer durch den Spreebogen, über den Fluss und damit über die frühere Grenze zwischen Ost und West. Im Westen steht das Bundeskanzleramt, 2001 vollendet: ein heller Kubus mit großen runden Öffnungen, den Berliner liebevoll „Waschmaschine“ nennen. Im Osten schließen das Paul-Löbe-Haus mit Büros und Sitzungssälen der Abgeordneten und, auf der anderen Spreeseite, das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus mit der Bibliothek des Parlaments an. Beide stammen von Stephan Braunfels; zwei Brücken verbinden sie über das Wasser.
Am Spreeufer neben dem Reichstag erinnern die Weißen Kreuze an Menschen, die an der Berliner Mauer starben. Südlich des Reichstags, am Rand des Tiergartens, befindet sich das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas; wenige Minuten südlich des Tores steht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Beide Orte beschreiben wir ausführlich unter Erinnerungsorte.
Achtung
Bei den Weißen Kreuzen und den Denkmälern in der Nähe handelt es sich um Orte des Gedenkens. Bitte verhalten Sie sich dort leise und respektvoll.
Auf in den Tiergarten
Der Tiergarten, mit rund 210 Hektar der große Innenstadtpark, schließt sich gleich hinter dem Tor an. Bleiben Sie nicht auf der breiten Straße des 17. Juni, sondern wählen Sie die Wege nördlich davon: vorbei am Sowjetischen Ehrenmal zum Haus der Kulturen der Welt, das wegen seines geschwungenen Dachs „Schwangere Auster“ genannt wird, und weiter zum Carillon, einem frei stehenden Glockenturm. Bis zur Siegessäule auf dem Großen Stern sind es vom Tor knapp zwei Kilometer. Mehr zum Park finden Sie unter Grünes Berlin.
Besuch vorbereiten
Das Tor steht jederzeit offen für Blicke, die Kuppel nicht. Für sie sollten Sie etwas Zeit einplanen.
Dach und Kuppel des Reichstags dürfen Besucher betreten, im Normalfall aber nur nach vorheriger Anmeldung beim Deutschen Bundestag. Melden Sie sich möglichst früh an, denn in der Hauptreisezeit sind die Termine rasch ausgebucht. Rechnen Sie mit einer Sicherheitskontrolle; welche Ausweise nötig sind, erfahren Sie auf den Seiten des Bundestages. Bei Reinigungsarbeiten oder Unwetter kann die Kuppel zeitweise gesperrt sein.
Das Tor selbst steht auf einem öffentlichen Platz und ist zu jeder Tageszeit passierbar. Früh am Morgen ist der Pariser Platz fast menschenleer; am Abend, wenn das Tor beleuchtet ist, entstehen die atmosphärischsten Fotos, vor allem zur blauen Stunde kurz nach Sonnenuntergang. Bei Großereignissen wie dem Jahreswechsel oder Sportveranstaltungen wird das Areal weiträumig abgesperrt.
Tipp
Tor, Kuppel und Linden an einem Vormittag
Buchen Sie einen frühen Termin für die Kuppel, schauen Sie anschließend am Pariser Platz vorbei und laufen Sie dann Unter den Linden zur Museumsinsel. Einen Plan für zwei Tage bietet Ein Wochenende in Berlin.
Anreise
- S + U
Brandenburger TorS-Bahn und U-Bahn-Linie U5 halten unmittelbar am Pariser Platz.
- U
BundestagDie U5 hält auch zwischen Reichstagsgebäude und Kanzleramt.
- Bus
Unter den Linden / ReichstagMehrere Buslinien verkehren über Unter den Linden und am Reichstagsgebäude entlang.
- Zu Fuß
Ab HauptbahnhofEtwa 15 Minuten über den Spreebogen bis zum Reichstagsgebäude.
- Zu Fuß
Ab MuseumsinselEtwa anderthalb Kilometer über Unter den Linden.
Linien und Fahrpläne können sich ändern – prüfen Sie vor der Fahrt die aktuelle Verbindungsauskunft.