Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Auf etwa 19.000 Quadratmetern zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz ragen 2.711 Betonquader aus einem streng geordneten Raster. Sie gedenken der rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden.
Mehr als ein Jahrzehnt lang wurde öffentlich über das Mahnmal gestritten, ehe der Bundestag 1999 den Bau beschloss. Entworfen hat es der New Yorker Architekt Peter Eisenman, die Einweihung fand am 10. Mai 2005 statt. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas trägt den Ort.
Jede Stele misst 2,38 mal 0,95 Meter an der Grundfläche, doch die Höhen reichen von ebenerdig bis etwa 4,7 Meter. Da der Boden zudem uneben ist und zur Mitte abfällt, verwandelt sich der Raum mit jedem Schritt. Am Rand überblicken Sie die Quader noch, ein paar Meter weiter türmen sie sich über Ihnen auf; der Straßenlärm verklingt, in den schmalen Gassen taucht jemand auf und ist gleich darauf wieder verschwunden. Beschriftungen gibt es im Feld nicht – Eisenman wollte keine einzelne Deutung vorgeben.
„Auf den ersten Blick erklärt das Denkmal nichts. Man muss sich hineinbegeben.“
Der Ort der Information
Unterhalb des Stelenfelds befindet sich der Ort der Information, eine unterirdische Ausstellung, die den Zahlen Namen und Gesichter verleiht. Zu sehen sind Briefe und Tagebuchseiten Verfolgter, Familiengeschichten und eine Übersicht über Verfolgungsorte in ganz Europa; in einem Raum werden Namen und Kurzbiografien Ermordeter vorgelesen. Am besten gehen Sie erst durch das Feld und steigen danach hinab: So ergänzen sich beide Teile – oben das Gefühl, die Orientierung zu verlieren, unten die greifbaren Lebensgeschichten.
Topographie des Terrors
Rund eine Viertelstunde zu Fuß südlich, an der Niederkirchnerstraße, befand sich von 1933 bis 1945 die Schaltzentrale des nationalsozialistischen Terrors.
An der damaligen Prinz-Albrecht-Straße saßen die Geheime Staatspolizei, die Reichsführung SS und ab 1939 das Reichssicherheitshauptamt. Von dort aus steuerte man Verfolgung, Folter und Völkermord in ganz Europa. Nach Kriegsende trug man die Ruinen ab, und das Gelände blieb Jahrzehnte ungenutzt – im Schatten der Mauer. Erst in den 1980er-Jahren holten Bürgerinitiativen die Geschichte des Ortes zurück ins Bewusstsein; 1987 präsentierte eine erste Schau die freigelegten Kellerreste.
Seit 2010 erhebt sich auf dem Areal ein flacher, quadratischer Ausstellungsbau, geplant von der Architektin Ursula Wilms und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann. Drinnen dokumentiert die Dauerausstellung Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt samt ihren Verbrechen – sachlich, gestützt auf viele Originaldokumente und Fotos. Draußen verbindet ein Rundgang 15 Stationen auf dem Gelände, und im Graben an den Kellerwänden behandelt eine zweite Ausstellung Berlin in den Jahren 1933 bis 1945.
Oberhalb des Grabens steht auf etwa 200 Metern eines der längsten erhaltenen Mauerstücke im Zentrum. Zwei Kapitel deutscher Geschichte begegnen sich hier auf kleinem Raum. Mehr zur Grenzanlage finden Sie im Beitrag zur Berliner Mauer.
Jüdisches Museum Berlin
Das Jüdische Museum in Kreuzberg ist mehr als ein Gedenkort: Es schildert jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland über viele Jahrhunderte. Die Verfolgung ist ein Kapitel darunter, nicht der ganze Inhalt.
Weltbekannt ist das Gebäude selbst. Daniel Libeskind schuf einen zickzackförmigen Bau mit Zinkblechhülle, den schmale, schnittartige Fensterbänder durchziehen. Der Neubau stand 1999 fertig und konnte zunächst leer besichtigt werden; das Museum eröffnete im September 2001. Die heutige Dauerausstellung läuft seit 2020.
Der Neubau hat keinen eigenen Eingang: Sie betreten das barocke Kollegienhaus von 1735 und gelangen von dort unter die Erde. Drei Achsen schneiden sich. Die Achse der Kontinuität führt hinauf zur Ausstellung, die Achse des Exils hinaus in den Garten des Exils mit 49 hohen Betonstelen auf geneigtem Grund, die Achse des Holocaust in den Holocaust-Turm, einen hohen, kalten und fast dunklen Raum. Das ganze Haus durchziehen leere Räume, die Voids. In einem liegen über 10.000 Gesichter aus Stahlblech – die Installation „Schalechet – Gefallenes Laub“ von Menashe Kadishman. Jeder Schritt darüber ist zu hören.
Rechnen Sie ein, dass Libeskinds Architektur schon vor der eigentlichen Ausstellung Zeit beansprucht. Weitere Beispiele für Berlins Gegenwartsarchitektur sammelt der Beitrag Architektur.
Weitere Gedenkorte im Zentrum
Viele dieser Orte liegen so dicht beisammen, dass sich ein Fußweg anbietet. Manche sind weitläufig angelegt, andere nur wenige Zentimeter groß.
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Im Bendlerblock an der Stauffenbergstraße bereitete eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 vor. Noch in der Nacht erschoss man Stauffenberg und drei weitere Verschwörer im Innenhof, wo heute ein Ehrenhof mit einer Bronzefigur von Richard Scheibe steht. Die Ausstellung in den Räumen daneben zeigt den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in seiner ganzen Vielfalt – aus Arbeiterbewegung und Kirchen, von Studierenden, Kunstschaffenden und Menschen, die Verfolgte versteckten.
Bücherverbrennung: Denkmal am Bebelplatz
Am 10. Mai 1933 warfen Studenten unter den Augen von Professoren auf dem damaligen Opernplatz Bücher verfolgter Autorinnen und Autoren ins Feuer. Heute ist mitten auf dem Platz eine Glasscheibe ins Pflaster eingelassen. Darunter öffnet sich ein weißer, leerer Raum mit Regalen für etwa 20.000 Bücher – die 1995 eingeweihte „Bibliothek“ des israelischen Künstlers Micha Ullman. Tagsüber spiegelt die Scheibe oft den Himmel, daher lohnt es, sich zum Hineinschauen herabzubeugen. Eine Tafel zitiert Heinrich Heine, der bereits 1820 schrieb: Wo man Bücher verbrenne, verbrenne man am Ende auch Menschen.
Drei Mahnmale am Tiergarten
Gegenüber dem Stelenfeld, am Tiergartenrand, steht ein Betonquader von Michael Elmgreen und Ingar Dragset: das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (2008). Durch ein Fenster läuft ein Film von sich küssenden Paaren. Zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor liegt das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas von Dani Karavan (2012) – ein dunkles, rundes Wasserbecken, in dem auf einem dreieckigen Stein eine Blume ruht, die regelmäßig erneuert wird. Schätzungen gehen von bis zu 500.000 ermordeten Sinti und Roma aus. Und an der Tiergartenstraße 4 neben der Philharmonie erinnert ein Gedenkort an die von dort organisierten Morde an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.
Stolpersteine
In der ganzen Stadt entdecken Sie vor Hauseingängen kleine Messingplatten im Gehweg, jeweils etwa zehn mal zehn Zentimeter. Auf jeder stehen der Name eines Menschen, der dort wohnte, bevor die Nationalsozialisten ihn verfolgten, deportierten oder ermordeten, sowie Geburtsjahr und Schicksal. Initiiert hat das Projekt der Künstler Gunter Demnig; in Berlin werden Stolpersteine seit 1996 verlegt, mittlerweile mehr als 10.000. Viele Passanten halten inne und lesen; am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, putzen manche die Steine blank.
Wannsee und Hohenschönhausen
Zwei weitere Gedenkstätten liegen weit draußen – die eine im Südwesten, die andere im Nordosten. Der längere Weg zahlt sich bei beiden aus.
Haus der Wannsee-Konferenz
Am 20. Januar 1942 traf sich in einer Villa am Großen Wannsee ein Kreis von fünfzehn hochrangigen Vertretern von SS, Partei und Reichsministerien unter Vorsitz von Reinhard Heydrich. Besprochen wurde, wie die Deportation und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden organisiert werden sollte; ein Exemplar des Protokolls ist überliefert. Die Villa entstand 1914/15 für einen Fabrikanten und dient seit 1992 als Gedenk- und Bildungsstätte. Die Ausstellung stellt die Besprechung in den Zusammenhang des Völkermords. Prägend für den Besuch ist der Kontrast zwischen dem Haus samt Seegarten und dem, worüber hier beraten wurde.
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Im Bezirk Lichtenberg befand sich das frühere zentrale Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR. 1945/46 diente das Areal als sowjetisches Speziallager, anschließend als Gefängnis der sowjetischen Geheimpolizei mit fensterlosen Kellerzellen, dem „U-Boot“. Von 1951 bis 1989 saßen hier in Untersuchungshaft Menschen, die fliehen wollten, einen Ausreiseantrag gestellt oder Kritik geäußert hatten – verwaltet vom Ministerium für Staatssicherheit. Seit 1994 ist das Gefängnis eine Gedenkstätte. Häufig nehmen Besucher an einer Führung teil, die oft ehemalige Häftlinge leiten; ihre Schilderungen von Verhören und Isolation vermitteln mehr als jeder Ausstellungstext.
Respektvoll besuchen
Gedenkorte sind keine gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten. Nehmen Sie sich Zeit, bringen Sie Aufmerksamkeit mit und legen Sie nicht zu viele Stationen auf einen Tag.
Achtung
Würde wahren
Bitte klettern Sie nicht auf die Stelen, springen Sie nicht von Block zu Block und setzen Sie sich nicht darauf oder essen dort. Sprechen Sie an Gedenkorten gedämpft, verzichten Sie auf Posen für Fotos und rühren Sie niedergelegte Steine, Kerzen und Blumen nicht an.
Höchstens zwei Orte pro Tag
Nach dem Ort der Information oder der Topographie des Terrors hilft etwas Ruhiges, zum Beispiel ein Gang durch den Tiergarten – Ideen finden Sie unter Grünes Berlin.
Genug Zeit einplanen
Für den Ort der Information, die Topographie des Terrors und das Jüdische Museum veranschlagen Sie jeweils mindestens anderthalb bis zwei Stunden.
Besuch mit Kindern
Erkundigen Sie sich im Voraus, ab welchem Alter Ausstellungen und Führungen empfohlen werden. Das Stelenfeld erleben Kinder oft wie ein Labyrinth – erklären Sie ihnen vorher, wo sie sich befinden.
Vorher nachlesen
Öffnungszeiten, Ruhetage, Sicherheitskontrollen und Anmeldungen zu Führungen können sich ändern. Schauen Sie bitte vor Ihrem Besuch auf die offiziellen Seiten der jeweiligen Häuser.
Anreise zu den Orten
- S + U
Brandenburger TorDas Stelenfeld erreichen Sie in wenigen Minuten zu Fuß Richtung Süden; unterwegs passieren Sie die Mahnmale am Tiergarten.
- S + U
Potsdamer PlatzDie Topographie des Terrors liegt etwa zehn Gehminuten östlich, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und die Tiergartenstraße 4 sind zehn bis 15 Minuten westlich.
- U-Bahn
Hallesches Tor oder KochstraßeVon beiden Stationen sind es knapp zehn Minuten zu Fuß zum Jüdischen Museum an der Lindenstraße.
- U-Bahn
Unter den Linden oder MuseumsinselDer Bebelplatz liegt zwischen diesen beiden Stationen.
- S + Bus
WannseeVom S-Bahnhof geht es per Bus weiter zum Haus der Wannsee-Konferenz.
- Tram
HohenschönhausenMehrere Tramlinien fahren in den Nordosten; die richtige Haltestelle nennt die Fahrplanauskunft.
Linien und Fahrpläne können sich ändern; bitte prüfen Sie vor der Abfahrt die aktuelle Fahrplanauskunft.